Tipp für aktive Zeitgenossen:

wie man aus etwas Halbem etwas Ganzes macht

1. Auch ein Anti-Tipp kann ein Tipp sein. Dieser hier ist so traurig, dass es mir lieber wäre, ich hätte ihn gar nicht erst geschrieben. Jedenfalls sollten Eltern dafür sorgen, dass er nicht in die Hände von unter 60-Jährigen fällt.

2. Es geht um einen Mann in der Blüte seiner Jahre (warum sollten nur immer Männer über Frauen schreiben und nicht auch Frauen über Männer ((vor allem, wenn diese in der Blüte ihrer Jahre stehen...))). Nennen wir ihn Albert, diesen Blütenjahremann.

3. Albert war Atomphysiker. Ich nehme an, dass es davon einige ganz aufgeweckte Leute gibt. Albert gehörte nicht dazu. Er wurde erst aufgeweckt, ja ganz eigentlich aufgeschreckt, als es schon zu spät war. Nämlich als ihn seine Freundin Evelyn (mit Ypsilon!) fragte: «Warum schwärmst du immer vom ursoliden Uran 238 und seiner Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren? Warum nur den halben Wert und nicht gleich den ganzen nennen? Neun Milliarden Jahre, dass wäre ja noch viel solider ...» Addieren konnte sie, aber von Atomphysik verstand sie nullkommanull, die Evelyn. Nicht nur das, Albert vermeinte sogar, eine gewisse Kritik in Evelyns Stimme auszumachen. Als ob sie seinem Uran 238 eine kürzere Lebensdauer wünschte. Die Bemerkung verkürzte die Halbwertszeit ihrer Beziehung. Das war schon ziemlich traurig. Aber immerhin konsequent. Aber es kommt noch trauriger.

4. Evelyns Frage blieb für Albert, wie man so trefflich sagt, im Raum stehen. An im Raum stehen bleibenden Fragen stösst man sich dauernd an, das ist lästig, und daran stiess sich wohl auch Albert. Vor allem stiess er auf eine Folgefrage: «Welche Halbwertszeit habe eigentlich ich, Albert?» Denn entsprechend der physikalischen gibt es ja auch die biologische Halbwertszeit, definiert als die Zeit, in der eine bestimmte Substanz, z.B. ein Mensch, zur Hälfte abgebaut ist. Das hatte Albert bisher verdrängt.

5. Aber nun wird's wirklich sehr traurig. Albert erfuhr, dass Männer in seinen Breitengraden mit einer Lebenserwartung von 74 Jahren rechnen dürfen. Albert war 37. Tatsächlich: Halbwertszeit für Albert... Er rutschte in eine tiefe und vorzeitige Sinn- und Midlife-Krise. Er stieg aus der Atomphysik aus, in einen Jumbo-Jet um, ging auf Weltreise, kaute in Jemen Kat, studierte in Tibet Kräutermedizin, wirkte kurz als Gorillavater im Kongo, tanzte auf Hawaii als Transvestit den Hula und stürzte sich 40-jährig vom Empire State Building.

6. Alberts tatsächliche Halbwertszeit sank darauf auf 20 Jahre. Aber das erfuhr er nicht mehr. Wirklich eine traurige Sache, diese halbe Sache mit Albert. Aber auch eine lehrreiche. Vor allem für Leute über 60. Für unter 60-Jährige genügt es, wenn sie eine halbleere und eine halbvolle Flasche zusammen giessen, sie austrinken und dann im Coop das Depot für beide kassieren.

 

Auszüge aus schpoiz 8, November 2001:

Leitartikel: Amerikas Kampf gegen das Böse von Stefan Haller

Cartoon: Achtung! Igel auf der Strasse von Daniel Bosshard

Tipp für aktive Zeitgenossen:
wie man aus etwas Halbem etwas Ganzes macht
von Doris Morf

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