Tipp für aktive Zeitgenossen:

wie man MillionärIn wird

1. Man nimmt an einem der TV-Millionen-Quiz' teil.

2. Man beantwortet zuerst einmal alle Fragen richtig, so weit man sie richtig zu beantworten weiss. Bis zur Antwort auf, zum Beispiel: «Wer hat gesagt "Geben ist seliger denn Nehmen" – Lalive d'Epinay, Madame Pompadour oder Kaspar Villiger?» wird Ihr IQ in der Lage sein, durchzuhalten.

3. Irgendwann kommt der Moment, da Sie die Frage nicht zu beantworten wissen oder einen Blackout haben. Das ist kein Grund, aufzugeben. Denn jetzt beginnen Sie einfach, was man in Parlamenten den Filibuster nennt: drauflosreden, drauflosreden, drauflosreden, um eine Abstimmung zu verhindern! In Ihrem Fall: entgehen Sie damit einer drohenden Beendigung Ihrer Chancen, eine Million heim zu tragen. Fragt Sie der Moderator zum Beispiel: «Wer war Dionysios Areopagita – 1. ein märtyrisierter Bischof, 2. ein altgriechischer Festbruder oder 3. ein Berater des Zürcher Stadtpräsidenten?», und Sie sind sich der Sache nicht sicher, dann machen Sie sich sofort ans Filibustern – zum Beispiel, verzeihend lächelnd: «Es ist interessant, wie die alten Griechen die Fernsehleute immer noch zu faszinieren vermögen. Ich, zum Beispiel, habe auch eine Vorliebe für all diese jungen, knackigen Götter, die so innovativ, so klassisch unternehmerisch waren – die das Fliegen erfanden oder das Athen-Paris-Rennen mit Stier und Dame oder das Berghinauf-Curling oder den Familienporno, nicht zu reden von der griechischen Viagrareklame, dem armen Priapos, der ja nun allerdings nicht nur in der Fantasie der alten Griechen entstand, oder haben Sie nicht den Jahresbericht des Rietbergmuseums gesehen, da sitzt doch tatsächlich auf einem der Fotos so ein imposanter Phallusträger, aber es ist ein West-Mexikaner aus dem 1. Jahrhundert – stellen Sie sich vor! Kein Grieche! Aus Mexiko, und trägt nicht einmal einen Schnauz! Ich habe immer gesagt, wir seien seit jeher völlig multikulti. Das ist nichts Neues. Ist ja auch klar, wenn doch die Päpste immer diese Kreuzzüge verordneten, kreuz und quer durch alle Länder, darum heissen sie ja auch Kreuzzüge, haben Sie das nicht gewusst? Sogar der arme Friedrich II. – Sie wissen, dieser Stauffenkönig, sogar der musste. Weil sein Schwiegervater, der König von Frankreich, ihn dauernd bestürmte, mal endlich seine Ritter auf einem Kreuzzug zu beschäftigen, dabei hätte er doch wirklich lieber auf seinem schönen Schloss in Apulien die Falkenjagd betrieben, sich ein bisschen um seinen Harem gekümmert und vor allem auch mit seinem Freund, dem Sultan von Jerusalem per Eilboten Schach gespielt, und ausgerechnet gegen diesen Sultanfreund hätte er Krieg führen sollen – ich meine, so ein hochdramatisches Dilemma gäbe doch etwas fürs Fernsehen, das wäre ein Knüller, wenn Sie das farbig und mit viel Statisterei verfilmen würden … Sie sollten das unbedingt Ihren Direktoren vorschlagen – aber die sind ja so blöd, die sind noch nie auf die guten Anregungen des Publikums eingegangen. Man sollte sie auspeitschen, man sollte sie …»

4. Und das ist wahrscheinlich der Moment, wo es dem Moderator aushängt, wo es ihm zu heiss wird und er sagen wird: «Hier – nehmen Sie die Million, aber hauen Sie ab, ich will Sie nie mehr sehen!»

5. Und dann nehmen Sie sie halt und verschwinden diskret – aber ohne, bitte, zu vergessen, dass Sie das wem zu verdanken haben? Dem Schpoiz.

Auszüge aus schpoiz 6, Mai 2001:

Leitartikel: Hat Arbeit noch Zukunft? von Stefan Haller

Cartoon: Früher – Heute von Joa

Comicstrip: Dr. Flächer von Schlorian

Tipp für aktive Zeitgenossen: wie man MillionärIn wird von Doris Morf

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